Städte ohne Hunger

São  Paulo, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, ist die wichtigste Industriemetropole Brasiliens und eine der größten Mega-Citys der Welt. Und sie ist eine Stadt mit zwei Gesichtern: Während im Zentrum Hochhäuser und Bürotürme dominieren, wachsen in der Peripherie die Elendsviertel. Rund ein Viertel der Stadtbevölkerung lebt in den sogenannten „Favelas“. Ihr Alltag ist geprägt von Armut – viele von ihnen können nicht lesen und schreiben, haben keine Arbeit und keine Perspektive. Der ideale Nährboden für Kriminalität, Drogenhandel und Prostitution.

Doch inmitten dieses Elends entstehen immer mehr grüne Oasen – Und überall dort, wo das frische Grün aus dem Boden bricht, wächst auch die Hoffnung der Menschen vor Ort. Verantwortlich für dieses kleine Wunder ist Hans Dieter Temp mit seiner Organisation „Städte ohne Hunger“. Der Name des Projekts ist Programm: „Wir versuchen Plätze in der Stadt zu nutzen, um dort Gemeinschaftsgärten anzulegen. Das heißt wir nutzen Land der Stadt, von privaten Unternehmen und Kirchen, um dort armen Leuten eine Möglichkeit zu geben, ihre Lebensmittel zu produzieren.“

Die Entstehung des Projekts

Hans Dieter spricht ein gutes Deutsch mit schwäbischem Einschlag. Den hat er noch aus seiner Zeit in Deutschland – einige Jahre nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Rio de Janeiro absolvierte er eine Ausbildung als Techniker für Landwirtschaft und Umweltpolitik an der Universität Tübingen. Anschließend zog er nach São Paulo und heiratete dort. „Ich kam in einen sehr armen Wohnort, in dem viele Flächen noch frei waren. Die Leute haben allerdings nur ihren Müll darauf geschmissen und nichts daraus gemacht.“ Eine Zeit lang arbeitete er als Koordinator des Programms Städtischer Landwirtschaft und für das Bürgermeisteramt, dann nahm er selbst die Initiative in die Hand.

Gemeinsam mit seinem Bruder suchte der Initiator die Besitzer leer stehender Flächen und bot ihnen an, Gärten darauf anzulegen. Dann wurden Leute aus der Umgebung der Grundstücke zum Mitmachen animiert. „Alles, was wir nun in den Gärten produziert haben, wurde vermarktet. So kam das erste Geld rein und die Menschen konnten sich etwas kaufen, bessere Kleidung, etwas auf den Tisch. Und das hat sie so motiviert weiter zu machen.“

Aus Brachland wird Grünfläche

Bei jedem neu verfügbaren Feld wird zunächst untersucht, ob es Wasser gibt und ob der Boden nicht durch Öl oder anderes kontaminiert ist. Dann schreibt Hans Dieter das Konzept und beschafft die finanziellen Mittel – von Privatpersonen, Unternehmen, öffentlichen Institutionen und Regierungseinrichtungen. Erst wenn soweit alles geklärt ist, tritt er an die Menschen heran, und zwar an die ärmsten.

„Sie kommen auf Felder, die schon am Laufen sind, und machen dort zwei Wochen mit. Nach den ersten Monaten sieht man dann, wer was am Besten machen kann.“ Dementsprechend wird die Verantwortung verteilt: Meistens kümmern sich Frauen um die Vermarktung in den Wohnorten, während Männer die Beete in der Peripherie bestellen und ernten. Der Enderlös aus dem Garten wird je nach geleisteter Stundenzahl unter allen Teilnehmern aufgeteilt.

Eigenverantwortung statt Abhängigkeit

Anfangs läuft somit die ganze Organisation über Städte ohne Hunger. Für den Projektleiter ist jedoch essentiell, dass die Menschen irgendwann selbst die Verantwortung für ihre Kooperative übernehmen – denn nur so entsteht ein nachhaltiger Effekt. Deshalb werden alle Teilnehmer genau instruiert, um möglichst schnell selbständig arbeiten können. „Ziel ist es, dass sie nach spätestens 18 Monaten auf eigenen Füßen stehen – finanziell und organisatorisch.“ Und wenn es doch einmal Probleme gibt, ist Städte ohne Hunger als Berater zur Stelle.

Städte ohne Hunger – Nachhaltigkeit auf allen Ebenen

Durch den Verkauf und die Gartenarbeit schafft Städte ohne Hunger Arbeitsplätze in den Wohnorten und in der Peripherie – rund 110 Menschen verdienen inzwischen Geld mit dem Projekt. Viele von ihnen können ihre Kinder erstmals auf die Schule schicken. Weitere nehmen an Kursen beispielsweise zu Ernährung oder landwirtschaftlichen Praktiken teil, die auch von der Gemeinde besucht werden können: Diese Chance haben bereits über 1.000 Menschen genutzt. Gleichzeitig versorgen die Gemeinschaftsgärten die Armen der Stadt mit hochwertigen und gesunden Lebensmitteln zu billigen Preisen. Die Organisation erzielt somit nachhaltige wirtschaftliche und soziale Verbesserungen – auf ökologischer Basis.

Zum einen schaffen die Gärten Grünflächen und verbessern so neben dem urbanen Erscheinungsbild die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens. Zum anderen ist der Anbau hundert Prozent biologisch. Anstatt teure und giftige Chemikalien zu spritzen, werden Schädlinge mit natürlichen Mitteln bekämpft. Wechselnde Kulturen halten den Nährstoffhaushalt des Bodens im Gleichgewicht, gedüngt wird mit Grünabfällen, organischem Hausmüll und Hühnermist. Die Nahrungsmittel werden schließlich direkt von den Produzenten oder von Haushalten in unmittelbarer Nähe verbraucht – dadurch entfallen weite Transportwege, während zugleich die Versorgungssicherheit der Stadt steigt.

Anfangs waren die Grundstücke wenig mehr als kleine Parzellen. Mittlerweile gedeihen bereits in 21 Gemeinschaftsgärten mit über 100.000 Quadratmetern diverses Gemüse, Getreide, Früchte und Arzneipflanzen in São Paulo. Das ist ein beachtlicher Erfolg – angesichts der gravierenden Armut allerdings wenig mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Hans Dieter will das Projekt deshalb erweitern, auch auf andere Städte. Dafür ist er auf Spenden angewiesen: Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, dass weitere Gärten in São  Paulo erblühen und die Idee sich fortpflanzt.

http://cidadessemfome.org/de/

Thomas Sedlmeyr

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